Die Ketzelburg ist ein unter Leitung des Archäologischen Spessartprojekts 2004/2005 und 2014 archäologisch ausgegrabener Burgstall. Sie war nur kurzzeitig besiedelt, wurde den Ausgrabungsresultaten nach planmäßig niedergelegt und verlassen und ist heute ein restauriertes Beispiel einer Kleinburg, die im beginnenden Hochmittelalter den gesamten Spessart wie ein Netz durchzogen. Die Burg lag direkt vor den Toren Aschaffenburgs, welches Teil von Kurmainz war. Möglicherweise ist dies ein Grund für das kurze Bestehen der Anlage, da sie als Bedrohung der Stadt und des Mainzer Territoriums aufgefasst werden konnte.

Die Form der Hochmotte war die eines Ovals. Das Burggelände hat in seinem von tiefen Gräben begrenzten Innenraum einen Durchmesser von etwa 50 Metern in Südost- Nordwestausrichtung und 35 Metern in Südwest- Nordostausrichtung. Damit nahm die Burg etwa eine Fläche von rund 1400 m² ein. Die äußere Begrenzung des nach drei Seiten steil abfallenden Bodendenkmals bildet ein zwischen fünf bis sieben Meter tiefer und bis zu acht Meter breiter Graben, dem noch ein bis zu fünf Meter hoher Wall vorgelagert ist. Nach Südwesten schließt sich hinter einer etwa 100 Meter breiten Senke ein heute vollständig überbautes Lössplateau an.

Mit der Methode der geophysikalischen Prospektion konnten 1999 auf dem „Schlossknickel“ am Eingang zur Haibacher Schweiz die Grundmauern nachgewiesen werden. Vorher gab es nur die beiden Sagen vom Ritter Heydebach und dem tödlichen Streit der Freundinnen sowie die Geschichte von den beiden Kindern, die auf dem Ringwall einen Schatz gefunden hatten. Die Lage des Ringwalls wie auch die Anordnung von Graben und Wällen bestärkten die Vermutung, dass hier wirklich eine Burg gestanden hat. Im Jahr 2004 wurde durch archäologische Grabungen zusammen mit dem Spessartprojekt der Nachweis einer Burganlage eines Niederadeligen erbracht.

Auf der Grundfläche von 6,5 mal 6,5 Meter hat ein Wohnturm gestanden, der auf dem Plateau von Befestigungen und einem Graben umgeben war. Einige Holzgebäude standen in der Nähe. Um diese Anlage herum war ein Wall mit Holzpalisaden. Der Beginn eines steinerner „Pallas“ wurde in Teilen freigelegt.
Wer dort gewohnt hat und warum diese „Motte“ schon bald wieder aufgegeben wurde, ist noch ungeklärt.

Hinweise aus geschichtlichen Quellen zeigen auf das Jahr 1190, als Konrad von Wittelsbach als Erzbischof und Kurfürst von Mainz die Regentschaft übernahm. Um den Einfluss von Papst und Kirche zu stärken und das Territorium auszubauen, wurden von seinem Vorgänger, Christian von Buch, Ministerialen eingesetzt. Dieser Personengruppe gelang es, sich im Spannungsfeld von Kirche und Kaiser eine lokale Machtbasis zu schaffen. So entstand um Aschaffenburg ein Ring von Befestigungen, auf dem sich eine weitläufig verwandte Ministerialengruppe festsetzte: die Herren von Kugelberg, Wallstadt, Hösbach und Bessenbach. Nach dem Tod Christian von Buchs ließ dessen Nachfolger Konrad von Wittelsbach die „Missstände“ der lokalen Macht nicht zu und veranlasste, dass die kleinen Burganlagen aufgegeben wurden. So ist das Bestehen der Haibacher Ketzelburg auf einen engen Zeitraum einzugrenzen.

Da die Ketzelburg nur sehr kurze Zeit bestand, bietet sie die seltene Chance, Einblicke in die Gründungsphase einer kleinen Burganlage zu gewinnen. Das Bodendenkmal hat sich diesbezüglich als wahre Fundgrube erwiesen. Wie in einer Reihe von Momentaufnahmen ließen sich die Anlage der Burg, der Bau des ersten Wohnturms, einer repräsentativen Toranlage und sogar Umplanungen und Rückbauten erkennen. Obwohl die Burg systematisch abgebaut wurde und daher keine fundreiche Zerstörungsschicht zurückblieb, lassen die einzelnen Fundstücke wie Kacheln, Geschirr, ein Webgewicht oder eine Bodenfliese Rückschlüsse auf die Ausstattung, die Lebensbedingungen und den Alltag auf der Burg zu.

Der Burgstall auf der Ketzelburg war geprägt von stroh- und schindelgedeckten Fachwerkbauten, Grubenhäusern und einer hölzernen Palisade. Er spielte in größeren militärischen Auseinandersetzungen keine Rolle. Die Burg war das Verwaltungszentrum für eine kleine Region, die allenfalls eine eher dürftige Selbstversorgung mit dem Allernötigsten zuließ. Herrensitz und Wirtschaftshof bildeten eine Einheit. Die Kontrollfunktion der Burg beschränkte sich auf ihre unmittelbare Umgebung. Es war eine Kontrolle über die Bauern und Hintersassen sowie über lokale Verkehrswege und Märkte.

Der Spessart war einst von einem außergewöhnlich dichten Netz kleiner Niederadelsburgen erschlossen. Allerdings sind fast alle dieser Burgen am Ende des Hochmittelalters wieder verschwunden. Sie waren meist aus Holz gebaut und entsprachen in ihren Abmessungen und ihrer Funktionsweise eher befestigten Bauernhöfen und damit so ganz und gar nicht unserem romantischen Burgenideal. Solche Anlagen haben nur wenig Spuren in der Landschaft hinterlassen. Ihre hohe Dichte wie ihr Verschwinden wirft aber spannende Fragen auf. Vor allem beweisen die Burgstellen, dass der Spessart bereits im 12. Jahrhundert eine weitgehend erschlossene Landschaft war, die durchaus in der Lage war, eine große Zahl solcher Niederadelssitze wirtschaftlich zu tragen.

 

Der „Burgstall“ steht als Bodendenkmal unter Denkmalschutz. (D-6-6021-0019 und D-6-6021-0020 Mittelalterlicher Burgstall „Ketzelburg“ )

Station des Kulturweges „Ritter, Fürst und Wellekipper“

Imagefilm des „Burglandschaft e.V.: https://www.youtube.com/watch?v=F2dRdvH2ZsU

Rundumblick von „Watch my city“: https://watch-my-city.de/burglandschaft/ketzelburg-haibach/

Ketzelburg aus der Vogelperspektive von „Watch my city“: https://watch-my-city.de/burglandschaft/ketzelburg-haibach-vogelperspektive/

 

Peter Völkel erzählt im Jahr 2004:

Die Ketzelburg

En de Hawischer Sage kunnt mäss läse,
däss uff em Schlossknickel e Burg soll gewese.
Ach viele gescheite Leit in Stådt, Lånd und Kreis
hon scho erwähnt, däss mä davon wås weiß.

Herr Dr. Kittel zum Beispiel hot geschriewe,
däss do die Familie Kessel ihr Wese getriewe.
De damalisch Kurfürst es deshalb kumme mit Raudau
un hot se verjågt en die Wetterau.

Do debei es einisches en die Brisch gegånge,
deshalb hot Herr Rosmanitz mit dem Gråwe angefånge.
Un wås kånner geglaabt hot, es ess werklisch wor,
däss do vor viele 100 Johr es Burg gestånne wor

Mit Scheppe, Pickel und besonders klåne Kelle
gratzt mer an dene besågte Stelle.
Uff åmol, was wor die Überraschung grouß,
legt mä es gånze Mauerwerk blouß.

Scherwe hot mä gefunne un ach Eiseteile,
nex sollt uns verborsche bleiwe.
Täglisch im Mai hon Fraa un viel Månn
gegråwe wås mä nå gråwe kånn.

Vunn allmemått sån se kumme die Experte,
hon sich åm Kopp gekratzt – wås soll des bloß werde.
Ach isch wor debei un hob mä gedenkt,
wie des wohl dåmals gewese seu kennt.

Do wor en Turm  –  un do vielleischt e Haus.
Do wor es Tor – do es mä neu un a wirrä naus.
Un do iwwerm Gråwe die Bricke,
do es de Ritter driwwer geritte.

Worn vielleischt Burgfräulein im Haus?
Un: Wie hon die dåmals gehaust?
Es wern die dollste Ideen ersonne.
Un bäm Väspern hot mä scho die Wiederaufbau begonne.

Es Denkmolamt häibt die Finger un sprischt:
Zugescheppt wäd wirrä alles – des es euer Pflischt!
Als Mitglied vom Geschichtsveroin
muss nit blouß isch heit glücklich seun.

Däss des Ereignis heier und jetzt
vom Veroin in Bewegung gesetzt,
von de Gemoinde wohlwollend anerkånnt,
es domit unser Dorf wiedrum allseits bekånnt

So hot sisch Müh und Bloche gelohnt am End,
wie die uffgewetzt Bloose en meune Hend!

 

Friedel Aulbach  beschreibt in seinem Lied „Ritter, Fürst und Wellekipper“

1. Teil Die Ritterzeit

Am Schlossknickel ganz ouwe drauß,
da hat en Ritter mal gehaust.
Zum Kampf bereit, mit seinem Schwert,
bestieg er oft sein edles Pferd.

Mit Pfeil und Bogen pirscht er keck,
auf Hirsch und Reh und Weiber-Röck.
Vom hohen Motten-Turme aus
lugt er ins Haibach-Tal hinaus.

Wann er erspäht ne holde Maid
dann folgt er ihr zum Zeitvertreib.
Und wenn Maria nicht zur Hand,
bei Gertrud er Erhörung fand.

Ja, Kampfeslust und Liebesglut
tut einem Ritter immer gut.
Doch bald ward aus der Liebelei
‘ne große Nebenbuhlerei.

Die beiden Frauen in der Not
schlugen mit Sicheln sich zu tot.
Der Ritter, als ihm das bekannt,
floh voller Graus ins heil´ge Land.

Ja Kampfeslust und Liebesglut
tat diesem Ritter nicht mehr gut.

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