Der Hawischer Wellekipper – der Spitzname der Haibacher

In früheren Zeiten waren die Einwohner recht arm. Um die tägliche Not zu bekämpfen, mussten Frauen und Männer hart anpacken. Zuerst galt es, das Überleben zu sichern: Eine tägliche Mahlzeit und eine warme Stube waren unerlässlich. Um das Feuer im Herd zu sichern, war kostenloses „Leseholz“, also Oberholz nach Baumfällungen oder Sturmbruch sehr willkommen und notwendig. Auch dünnes Reisig wurde nicht verschmäht, das sich gut eignete, das Feuer zu entfachen.
Um das Reisig besser transportieren zu können, hackten („kippten“) es die Haibacher schon im Wald mit dem Beil zu einer handlichen Länge und schnürten es zu Bündeln („Wellen“) zusammen. Auf dem Kopf, der Schubkarre oder dem Handwagen wurden die Wellen nach Hause gebracht.
Ob die Haibacher beim „Wellekippen“ besonders fleißig waren? Auf jeden Fall bekamen sie in den Nachbarortschaften den Neck-Namen „Hawischer Wellekipper“.

Necknamen für ganze Orte waren früher üblich. Ortsnecknamen sind keine Eigenerfindungen, sondern sie wurden einem grundsätzlich vom Nachbarn „angehängt“. Sie wurden benutzt, um die Bewohner zu charakterisieren und vor allem die jungen Männer zu verspotten. Am häufigsten wurden bestimmte Handlungen benannt, die in der Regel „anstößig“ oder „unsinnig“ waren. Oft sind Tiere Namensgeber. Handwerkliche Tätigkeiten finden sich unter den Necknamen ebenso wie Körperteile oder Krankheiten und körperliche Gebrechen.

Beispiele:
Grünmorsbach: Krocke, Zicheunä
Straßbessenbach: Streeßer Krumbärnbleeser
Keilberg: Hawwernstrübber, Pennigfuchser
Waldaschaff: Herrgottsdiebe, Brotsäck
Sailauf: Wasserköpp
Gailbach: Räiböck
Mespelbrunn: Krachköize

Zum Andenken an die Hawischer Wellekipper organisiert der Heimat- und Geschichtsverein seit 1997 auf jedem Dorffest ein „Wellekipper-Schubkarren-Rennen“.

Finanziell unterstützte das Regionalbudget der Westspessartgemeinden „WESPE“ im Jahr 2024 die Anschaffung eines Standbildes, das am XXXX übergeben wurde. Hergestellt hat es Michler-Metallgestaltung, 63879 Weibersbrunn.

Verewigt ist der Haibacher Neckname auch im Namen des Kulturweges, der seit 2002 rund um Haibach führt: Ritter, Fürst & Wellekipper.
Während „Ritter“ auf die Ketzelburg hinweist und „Fürst“ auf die Verbindung zum Kurfürstentum Mainz, hat der „Wellekipper“ die einfachen Leute im Blick.
Die Überreste der hochmittelalterlichen Ketzelburg und die frühneuzeitliche Brunnenstube am Wendelberg belegen die Einflüsse des nahen mainzischen Aschaffenburg.  In vielen armen Familien war es üblich, Krüppelholz im Wald zu sammeln und zu großen Bündeln (“Wellen”) zu binden. Es wurde zum schnelleren Entfachen des Herdfeuers genutzt.

Der Haibacher Heimatdichter Benedikt Hubert hat den Wellekippern in einem Gedicht ein Denkmal gesetzt: 

Hawischer Wellekipper
Wellekipper is´ e Wort
Des stammt noch aus der alte Zeit.
Hawisch war e klaaner Ort
Un´ es gab viel arme Leit.

Häusje baue´ – Kinn ernähr´n,
Des bisje Geld, des konnt´ nit långe,
Holz musst´ her, – geschürt musst´ wer´n –
Do es mer halt ens Holzisch gånge.

Erlaubt wor: Wås im Wald gelege,
Des konnt´ mer sich zusammen tråge´.
Blous selber ebbes abzusäge,
Das durft´ mer grundsätzlich nit mache.

 Blous Kriwes-Krawes lag oft rim
Un´ nebe´ steh´n die schäine Beemjen.
Die haache se ganz hurtig im
Un´ nemme sich die schäine Stämmjen.

Sie binne dann die Welle z´åmme
Schähi auße rimm des Leseholz.
„Heit hon mer wirrä e poor Stråmme!“
Häßt´s uff em Heimweg dann ganz stolz. 

Kimmt dann de Waldschütz grad die Wege
Un´ frogt: „Wie seid Ihr uff die kumme?“
Häßt´s blous: „Die hon do rimm gelege,
Do hon mer se halt mitgenumme.“

So wor es früher mol gewese.
´s musst worm soi für die ganze Sippe.
Do långt kå´ Welle z´åmmelese,
Do musst mer a´mol Welle kippe.

 En Jäger hatt´ en Bock geschosse.
Der Schuss war schlecht – lag zu weit hinne
Do hatt´ er´n weiter laafe losse
Un´ dacht´: Mein Hund werd ihn scho finne.

En Wellekipper wor zur Stelle
Un´ hatt´ den Räihbock oigesackt.
Er hott ihn zwische seine Welle´
Nach auße unsichtbar verpackt. 

Dehaam gab´s Räih mit rohe Klöß´ –
Wos hann die Kinner eine Freud´!
Falls de´ Jäger nit gestorbe es,
Dann sucht soin Hund de´ Bock noch heit.

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Weitere Sehenswürdigkeiten

Polizeistation

Polizeistation

Vor 1920 wurde Haibach von den Gendarmeriestationen aus Aschaffenburg und Bessenbach betreut. 1920 baute die Gemeinde ein eigenes Haus und stellte es der staatlichen Polizei zur Verfügung Es hatte zwei Dienstzimmer und zwei Wohnungen. Die ersten Beamten waren Franz...